Kopfhörer Alben des Jahres 2017

Hier nun also die angesprochenen “Best of” Liste. Im Grunde hinfällig zu erwähnen, aber der Vollständigkeit halber trotzdem der Hinweis, dass dies natürlich eine absolut subjektive Auswahl von Alben ist, die euch im Grunde nur auf die eine oder andere Sache neugierig machen sollte.
War es in der Vor-Internet-Zeit noch so, dass man stark von dem Zulieferer seines Vertrauens oder der Radiostation abhängig war geht es uns Musikinteressierten Menschen wahrscheinlich allen ähnlich: man ertrinkt in dem Ozean der wunderbaren Musiken. Eine eigentliche Übersicht, sei es für z.B. nur für bestimmte Stile, ist im Grunde nicht möglich.
Also ist das Alles nicht mehr Abbild von den interessanten Alben, sondern eine Auswahl an Musik welche mich bewegt hat. Ohne die Nachzügler die ich via den anderen Listen noch entdecken mag.

Wie zuvor, alphabetisch geordnet. Und wie ich feststellen konnte dann wohl doch mit einer Konsensplatte; die interessanter Weise aus dem Bereich Footwork stammt — knapp sieben Jahre ist es her, dass ich an den Plattentellern noch Nachfragen bekam was für einen Stil ich denn da spiele.

Belief Defect “Decadent Yet Depraved”

Tiefe, teils böse Bässe in perfekter Soundqualität — aber etwas ungewohnt, auf dem Label Raster. Moe Espinoza und Luis Flores haben auf ganz unterschiedlichen Bereichen über 10 Jahre hinweg ihre Spuren hinterlassen. Das Werk “Decadent Yet Depraved” kam dagegen fast aus dem Nichts. Bassmusik mit der Härte des Techno und Industrial. Böse und gut.

Chinese Man “Shikantaza”

Breaks, Dub, Trap, Hip Hop — you name it. Ein breites “Crossover” innerhalb der Familie. Teils soulig tanzbar, teils fast an eine Filmmusik erinnernd und zwischendrin im klassischen Hip Hop verorted. Ein schöner Hybrid für Party, Tanzboden oder Hifi-Couch.

End.User “Left”

Ein wenig habe ich mich geschämt, dass ich sowohl den Künstler “End.User” noch ggf. unbekannter Weise seine Tracks aus der Spätzeit des Breakcore gekannt habe. Diese wieder aufgelegte Compilation, schon ein Nachbrenner in 2008 holt mich zurück in die Endjahre des letzten Jahrzehnts bzw. der interessanten Weiterentwicklungen des Drum & Bass in einer Zeit in der ich mich mehr auf den Dubstep konzentriert hatte. Spätentdeckung, aber meiner Meinung nach wertvoll und komplett auf der Höhe der Zeit.

Gila “Pick Six”

Zwei Jahre habe ich auf Pick Six, den Titeltrack gewartet. Vorher immer nur als Teaser im Radio zu hören. Diese EP ist konzentrierte Beats- und Bass-Musik. Sechs Tracks. Mehr braucht es nicht. Killer.

Jlin ‎”Black Origami”

Bereits angetan von den früheren Veröffentlichungen der Footwork-Künstlerin, die alle schon im Plattenschrank stehen, hatte ich bereits nach der Vorhöre der ersten drei Tracks wiederum auf den Bestellknopf gedrückt. Wer wissen möchte wie Footwork 2017 sich anhört der kommt an dieser Platte nicht vorbei.

Noer The Boy ‎”Mechanism”

Die kleine, unerwartete Überraschung in dieser Liste. Unwissend zu DJ Shadow gehend spielt auf einmal sein Labelkollege live ein Set zwischen Breaks, Beats, Industrial und Bass-Musik, so dass der Meister selbst einige Schwierigkeiten hatte der Qualität zu folgen – was wohl beabsichtigt war, sich selber etwas Feuer unter dem Hintern zu geben (BTW: er beherrscht die neuen Sounds ebenfalls). Die VÖ “Mechanism” fängt diese Dimension sehr gut ein. Ich bin gespannt was von Noer The Boy in der Folge kommt.

Orson Hentschel ‎”Electric Stutter”

Weniger im Bereich der Minimal Music verhaftet als sein ebenfalls toller Vorgänger, hält Orson Hentschel die Qualität mit seiner zweiten Veröffentlichung auf Denovali Records. Es kommen diesmal mehr die Erfahrungen der Filmmusiken zum Einsatz. Es bleibt “Intelligent Dance Music”, und zwar auf hohem Niveau. Egal welche Platten des Düsseldorfers aufliegt.

Shackleton & Vengeance Tenfold ‎”Sferic Ghost Transmits”

Shackleton hätte mit seiner Innovation und Qualität auch problemlos im Bereich des Dubstep und Post-Dubstep bleiben können und wäre wahrscheinlich weiter interessant. Aber mit Vengeance Tenfold geht er noch einen Schritt weiter und führt die erste Collaboration mit Vengeance Tenfold von 2011 fort. Afrikanische Einflüsse, leichte ambiente Psychedelik, Tribal-Sounds. Die Platte ist ein einziger, interessanter Rhythmus-Trip. Übertragung erfolgreich gelungen.

Nachzügler: Rainforest Spiritual Enslavement “Ambient Black Magic”

Beim schreiben dieser Liste werde ich langsam vom Bass des Rainforest Spiritual Enslavement massiert. Auflistung aus dem Moment heraus. Hinsetzen, versinken

Alben des Jahres 2013 – Huerco S. “Colonial Patterns”

Huerco S. “Colonial Patterns” [SFT037]


Colonial Patterns beginnt relativ unauffällig oder unaufdringlich. Die Veröffentlichung, angelegt zwischen Abstract und Deep House entwickelt langsam und gegebenenfalls erst beim wiederholtem anhören seine Besonderheit. Was nach einer Zeit auffällt ist das leicht hypnotische der Tracks, angefangen mit “Plucked from the ground…” aufgenommen und ins Detroit’eske Deep House weitergeführt bei “Quivira”.
Teilweise wird das Ganze aber auch in das Abstrakte, ein “active listening” notwendige übergeleitet; was den genannten Reiz ausmacht. Ein Album zwischen minimalistischem House und Hörentdeckungen, in einer Abwechslung die unterhält, ohne zu unterfordern. Dabei bleiben Spitzen in Form von eindeutigen “Hits” aus, was der Platte eher gut tut.

Alben des Jahres 2013 – Circuit des Yeux “Overdue”

Circuit des Yeux “Overdue” [Eigenvertrieb]

Overdue beginnt mit reduziertem Streichereinsatz und der prägnanten Stimme von Haley Fohr. Langsam kommt ein knarzender Kontrabass hinzu. Mehr Streicher und langsam füllt sich die Platte. Was dann im Folgenden zu erwarten ist sind vielseitige Einflüsse aus frühen Pink Floyd, dem Drone-Genre, zeitweilig dem Gesangstil einer PJ Harvey, die alle zu einer sehr interessanten Veröffentlichung münden, den Bereichen ‚Experimentell‘ / ‚Avantgarde‘ zuzuordnen.
Während auf der Bandcamp-Seite die bereits guten Tracks der A-Seite des Albums zu hören sind, entfaltet sich die eigentliche Stärke der Platte endgültig zum Ende hin welches in einem psychedelisch dronigen „Hellen you bitch“ endet. Amen.

Alben des Jahres 2013: Donato Dozzy “Plays Bee Mask”

Donato Dozzy “Plays Bee Mask” [Spectrum Spools SP 029]

Plays Bee Mask” ist eine in sich geschlossene Platte die mehr durch die ineinander verwebten Klänge lebt als von Einzeltracks die hervorstechen. Die Kohärenz macht die Stärke dieser Veröffentlichung aus; nach dem ebenfalls sehr gelungenem Projekt aus 2012, Voices from the lake, ist es eine stimmige Fortsetzung; ambientähnliche, räumliche Klänge, schönen Melodien die einen in eine eigene Welt mitnehmen können und nur noch entfernt verwand sind mit den interessanten Technoklängen die mir Donato Dozzy in den frühen 2000er Jahren nahe gebracht haben.

Zu hören: bei Kerzenlicht, einem guten Buch, mit Blick auf das Meer, mit Kopfhörern in öffentlichen Verkehrsmitteln beim Blick aus dem Fenster, an Regentagen.

https://soundcloud.com/experimedia/donato-dozzy-plays-bee-mask

[Ergänzung aus dem GROOVE-Magazin

Meine Stadt: Der italienische Produzent Donato Dozzy stellt seine Heimatstadt Rom vor und gibt Tipps für Vinylfans, Nachteulen und Parkliebhaber.
http://bit.ly/1eLDfWc ]

(Kein) Konzertrückblick – Christmas has come early

Ursprünglich geplant war es, einen Bericht über den Live-Act Gold Panda im Mounsonturm zu schreiben. Dieses Konzert hat allerdings nicht stattgefunden (ein Ausweichtermin steht bereits), wahrscheinlich der Tatsache geschuldet, dass Gold Panda zwei Tage zuvor beim Tauron Festival in Polen aktiv war.

Dieses Festival wurde von Boilerroom teilweise live übertragen und so konnten ich in den Genuss von Boxcutter kommen der dort zeitweilig live seinen Bass zu Computerklängen spielte.

Dieser Künstler steht für mich zum Einen für das Aufkommen von Dubstep im letzten Jahrzehnt. Begonnen hat er mit den typischen, bassbetonten harten Klängen wie z.B. beim Track ‘Brood’ (den ich auf Vinyl wenigstens noch als VIP Mix erhaschen konnte). Aber schon schnell zeigten sich andere Facetten, ergänzt von einem Album unter dem Namen ‘Barry Lynn‘, auf welchem er ältere Drum’n Bass affine Stücke veröffentlichte. Auch die folgenden Alben bieten ein feines Genremix, ergänzt um Beteiligungen auf Compilations wie die hervorragenden Hot Flush Werksschau ‘Back and 4th’. Er gehört in meinen Ohren zu den Personen welche die elektronische (Tanz-)Musik weiter voranbringt und mit vielseitigen Ideen füttert.

By-the-way “Vielseitigkeit”: ein Mix allererster Güte haben die Soundtüftler SND für das FACT-Magazin abgeliefert. Dies nimmt Musikinteressierte auf eine abwechslungsreiche und spannende Akustikreise elektronischer Klänge, Geräusche, Assoziationen. Klangexperimente und Musique concrète fordern die Hörenden, Persischer Folk ist mit eingebunden, um zwischenzeitlich zu dem minimalen Techno eines Robert Hood zu kommen (der in diesem Kontext verhältnismäßig entspannend wirkt), hin zu der (meiner) Entdeckung “6.4” des Gary Wilson. Ich habe das Mix auch nach mehrmaligen Hören noch nicht ganz be-griffen und dies werte ich als herausragendes Merkmal.

Es ist zu empfehlen den begleitenden Text und deren Links auf der FACT-Webseite anzusehen und nachzugehen. Ich kann zu 100% bestätigen was deren Redaktion abschließend als Bewertung abgibt: “For those of you interested in electronic music at its most radical and reduced, Christmas has come early“.